I.M.O. Korntal

Anlagen-Projekt Wilmington

Das Ellok-BW Wilmington und der „Northeast Corridor“ in H0

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Mit amerikanischen Eisenbahnen verbindet man gemeinhin Prärie, Rocky Mountains, Santa Fe oder ähnliche fernwehträchtige Begriffe.

Was bewegt zwei Modellbahner, sich mit einem geographischen Bereich auseinander zu setzen, der nicht mit Wildwestromantik und den Träumen von der großen Weite gesegnet ist?

Zum 10-jährigen Insider-Jubiläum der Fa. Märklin wurde anlässlich des Modellbahntreffs 2003 ein Dioramenwettbewerb ausgelobt. Die Entscheidung, sich mit einem Diorama zu beteiligen, das die allererste Insiderlok zu Ehren kommen ließ, nämlich eine Rc 4 schwedischer Herkunft, deren Vorbild anno 1976 im Amtrak-Kleid im Nordosten der USA gestestet wurde, fiel nicht schwer. Der für amerikanisches Verständnis ungemein verdichtete Fahrplan, die Vielfalt an Fahrzeugen im Einsatz und nicht zuletzt die charakteristische Fahrleitung machten den „Northeast Corridor“ und mit ihm das Ellok-BW Wilmington, Delaware wirklich zum „Muß“, um eine glaubhafte Kulisse zu schaffen, vor der die Rc4 – und anderes Lok- und Wagenmaterial - zur Wirkung kommen sollte.

Zwischen 1915 und 1938 wurde zwischen New York und Philadelphia bzw. Harrisburg, Pa. der Fahrdraht gespannt, ein Netz von 656 Meilen (rund 1.0000 km). Ein Großteil hiervon wurde viergleisig ausgebaut, um die betriebliche Trennung zwischen dem verdichteten Personen-Nah- und Fernverkehr einerseits sowie dem Güterverkehr andererseits einfacher handhaben zu können. Das Haupt-BW für die E-Loks wurde in Wilmington, Delaware, etwa auf halber Strecke zwischen New York und Washington, DC eingerichtet, hier blieb nach der Übernahme durch Amtrak im Jahre 1971 bis heute das wichtigste Betriebswerk für elektrische Lokomotiven und Triebwagen.

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Dort wurde die an amerikanische Verhältnisse angepasste Rc4 „X995“, die Ende 1976 von der schwedischen Lokfabrik ASEA für einige Monate probeweise zur Amtrak entsandt wurde, zur Stammmutter einer neuen Lokomotivegeneration: Die ab 1979-88 als AEM 7 eingereihten 53 Loks können trotz der automatischen Kupplungen und fehlenden Puffer ihre europäischen Wurzeln nicht verleugnen.

Im restlichen nordamerikanischen Eisenbahnnetz gab es zu der Symbiose von mehrgleisigem Ausbau und Hauptbahnelektrifizierung zu  keiner Zeit eine Parallele, daher hat sich die Bezeichnung „Northeast Corridor“ für diesen Streckenabschnitt auch bis heute gehalten.

Bei der Nachbildung des Betriebswerks Wilmington handelte es sich zunächst nur um ein Diorama, welches aber für den Transport bereits geteilt werden musste. Die nachempfundene Vorbildsituation und ihre Weiterentwicklung in eine betriebsfähige Modelbahnanlage konnten nur in Segmentbauweise erfolgen. Mit Hilfe der in den USA gebräuchlichen „Selective Compression“ konnten charakteristische Elemente der Vorbildsituation herausgriffen und zu einem stilistisch und funktional plausiblen Ensemble zusammengefasst werden. Insofern sind die dargestellten Szenerien abstrahiert und kaum deckungsgleich mit dem Vorbild. Um die Ausgangssituation mit zusätzlichen Betriebsmöglichkeiten auszustatten, wurde der Bahndamm der Hauptstrecke soweit erhöht, dass auch Unterführungen möglich wurden. Derartige Bauwerke sind in der unmittelbaren Umgebung des Vorbildes nicht zu finden, sondern erst in einiger Entfernung. Angesichts der Konzentration auf Ellok-BW und Bahndamm sind ansonsten als „typisch amerikanisch“ bekannte Gestaltungselemente wie Holzwassertürme, oder Gebäude eher spärlich vertreten. Gesuperte Automodelle, sowie farbig und farblich nachbehandelte Figuren, verbunden mit zeitgenössischen Werbeaufschriften und –plakaten aus den siebziger Jahren sorgen deshalb für die notwendige Atmosphäre…

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Nach der Fertigstellung des ersten Bauabschnittes mit BW und Bahndamm sollten  die existierenden Elemente sinnvoll erweitert werden. Dabei wurde zunächst die viergleisige Hauptstrecke für einen publikumswirksamen Rundverkehr mit vorbildgerecht langen Zugeinheiten ertüchtigt. Modular erstellte, nicht mit Landschaftsgestaltung versehene Kehren ermöglichen einen kulissenhaften Betrieb, der durch Rangierfahrten eine Etage tiefer eine aktive Ergänzung erfährt. Mit Hilfe der im Gefälle angelegten Verbindungsstrecken zum Betriebswerk können Lokwechsel und in begrenztem Umfang auch der Austausch ganzer Zuggarnituren erfolgen.

Durch die halbreliefartig angeordneten Industriegebäude entstand ein zusätzlicher Schauplatz für Aktivitäten mit Güterwagen und „Switchern“. Auf die Existenz solcher Anschlussgleise und sich dadurch bietende „Spielmöglichkeiten“ wurde im nächsten Bauabschnitt noch mehr Wert gelegt. Schließlich vermittelt der bereits international bekannte und bei den letzten Korntaler Modellbahntagen im Januar 2010 gezeigte 3.Bauteil „City Limits“ authentische Industrieatmosphäre im Vorortbereich einer fiktiven Großstadt. Die hierzulande unbekannte Begegnung mit einem Güterzug auf der Hauptstraße einer Vorstadt ist dabei das Leitmotiv. Der Wilde Westen bleibt aber auch weiterhin außen vor!

Trotz des reichhaltigen Angebots an Rollmaterial, Gebäudebausätzen und Artikeln zur Ausgestaltung liegt es letzten Endes am Erbauer, wie sehr er sich ins Detail vertieft. Das ist nicht unbedingt eine Geldfrage, eher ist die Kreativität und Arbeitsleistung gefordert.

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Das Bestreben, auf der eigenen Anlage nicht den ständig wiederkehrenden Einheitsbrei an käuflichen Versatzstücken wieder aufzubereiten, ist aber kein besonderes Kennzeichen der Modellbahner mit Zuneigung zum Thema US-Bahnen  - im Gegenteil, dies sollte jeder beherzigen, der einen erhöhten Anspruch an seine modellbauerischen Aktivitäten stellt!

Entnommen aus: „Northeast Corridor in H0“, MIBA 06 und 07 / 2006

Martin Stierlen

06.12.2010